Hier ein kleiner Ausschnitt aus einem Zeitungsinterview der "Märkischen Allgemeinen" über unsere Arbeit.

Bärli müsste eigentlich längst tot sein. Ende des vergangenen Jahres hatte der riesige Hund den Vorhof der Hölle bereits betreten. In einer ungarischen Schlächterei lief alles auf eine schnelle, lautlose Exekution hinaus, wäre nicht in letzter Sekunde eine österreichische Tierschützerin aufgetaucht, um den Hund von den Betreibern der Tötungsfabrik loszukaufen. Freilich fingen damit die Probleme erst an. Denn der kaukasische Herdenschutzhund war, als er aus der Narkose erwachte, so traumatisiert, dass er niemanden an sich heranließ. Sein aggressives Verhalten schreckte sogar ausgewiesene Hundekenner ab.

In ihrer Hilflosigkeit sandte die Tierschützerin einen Notruf ins Havelland. In Rathenow betreiben Ralf und Beate Kusch seit zwei Jahren eine Praxis für Hundepsychologie. Im Internet hatten sie damit geworben, sich auch an problematische Fälle heranzuwagen.

Heute lebt Bärli auf dem Gelände des Ehepaares in der Rhinower Landstraße 51. Wenn man ihn durch den großen Zwinger trotten sieht, mag man seine ganze elende Hundevergangenheit nicht glauben. Ein friedlicher Zeitgenosse, der sich sogar von fremden Journalisten streicheln lässt, ohne ihnen gleich den Arm abzubeißen.

"Eine Woche hat es gedauert, bis ich das Tier beruhigen konnte", erzählt Ralf Kusch. Er hatte nach dem Hilferuf der Tierschützerin den narkotisierten Hund nach Rathenow geholt und ihn in einem großen Zwinger zu Bewusstsein kommen lassen. Ganz langsam hatte Kusch sich dem Tier genähert, jeden Tag ein bisschen mehr, und irgendwann hatte er sich mit einem Klappstuhl in die eine Ecke des Zwingers gesetzt - und gewartet. Nicht geredet, nicht gerödelt - nur dagesessen und gewartet. Bärli hatte sich erst in die eine Ecke verzogen, war aber dann - von Neugier getrieben - immer näher an den stummen Zwingergenossen herangerückt und hatte sich am Ende sogar streicheln lassen. Das Eis war gebrochen.

Seit zwei Jahren beschäftigen sich Ralf und Beate Kusch mit der Psyche von Hunden. Nicht immer sind die Fälle so spektakulär wie der geschilderte. Aber immer kommt es darauf an, dass die Kuschs eine Beziehung zu dem Tier aufbauen, das in ihre Obhut gegeben wird.

Die Probleme sind meist ganz alltäglicher Art. "Der Hund hört nicht", dürfte einer der am häufigsten gesprochenen Sätze in der Kusch-Praxis sein. Diese Macken lassen sich zumeist in der klassischen Hundeschule ausbügeln. An den Wochenenden findet auf dem Trainingsplatz in der Rhinower Straße eine Art Gruppentherapie statt. Bis zu acht Halter werden von den Kuschs in die Kunst der Hundeerziehung eingeführt. Nach einigen Stunden verbessert sich in der Regel das Verhältnis zwischen Mensch und Tier merklich.

Schwierige Fälle können auch im Einzelunterricht behandelt werden. Nach einem Gespräch mit dem Besitzer beschäftigt sich einer der Psychologen ausgiebig mit dem Hund, um herauszufinden, wo das Problem liegt. Und kommt dabei immer wieder zu derselben Erkenntnis: "Das Problem ist nicht der Hund. Das Problem ist der Halter."

Das gehe schon beim Kauf des Tieres los, erzählt Ralf Kusch. Statt einen Hund zu erwerben, der charakterlich in die Lebenssituation des Halters passt, werde oft nach Aussehen entschieden. Kusch erinnert sich an eine Dame, die partout einen Rhodesian Ridgeback haben wollte. Weil die Frau berufstätig war, saß das Tier den ganzen Tag in der Wohnung herum - und wollte dann abends nicht parieren. "Ganz normale Reaktion", sagen die Kuschs. "Das sind Hunde, die werden in Südafrika zur Jagd verwendet. Die müssen unheimlich gefordert werden, sonst drehen die vor lauter Energiestau durch." Ralf Kusch riet der Dame, intensiv mit dem Hund zu arbeiten - oder ihn abzugeben. Das wollte sie nicht hören und brach die Beratung ab.

Für den Menschen also brauchen die Kuschs oft mehr Fingerspitzengefühl als für das Tier. "Bringen Sie mal jemandem bei, dass er bei der Hundeerziehung Mist gebaut hat, ohne dass der sich auf den Schlips getreten fühlt", sagt Ralf Kusch. "Da kommen Sie ganz schön ins Schwitzen." Genauso schwierig sei es, einen Rentner, der kaum noch laufen könne, mit seinem Jack-Russell-Terrier, der nichts im Sinn habe außer rennen, unter einen Hut zu bringen.

Nun ist es nicht so, dass die Kuschs die Weisheit gepachtet hätten. Sie selber absolvierten die klassische Lehrgeldtour - vom naiven Problemhundhalter zum Experten. Denn am Anfang ihrer Karriere waren sie auch nur hilflose Besitzer eines schwierigen Hundes. Arco hieß der, war ein Rottweiler-Dobermann-Mix, und von Welpenjahren an so verängstigt, dass niemand an ihn herankam.

Die Kuschs fuhren von Hü nach Hott, um Rat einzuholen. Tierärzte, Züchter, Clubs - überall stellten sie Arco vor, mit mäßigem Erfolg. Erst als Herr und Hund in die Schweiz zu einem Seminar mit dem Hundeguru Hans Schlegel fuhren, machte es "klick". "Da habe ich begriffen, dass man sich dem Hund auf einer mentalen Ebene nähern muss", erzählt Ralf Kusch. Dass man den individuellen Charakter eines Hundes nur mit genauer Beobachtung erfassen könne. Und dass man sich als Mensch zurückzunehmen habe.

Der Rest ist schnell erzählt: So tief hatten sich die Kuschs in das Thema hineingearbeitet, dass der Schritt zu einer Professionalisierung nur noch kurz war. Im zweijährigen Fernstudium ließen sie sich an einer Schweizer Fachschule zu Tierpsychologen, Spezialgebiet Hund, ausbilden. Seit zwei Jahren widmen sie sich den Vierbeinern hauptberuflich. Und sie tun dies nicht, wie manch ein Hundebesitzer alter Schule vermuten mag, mit harter Hand. Geschlagen wird nicht, bei den Kuschs. Die Kommunikation klappt trotzdem: Mit ruhigen Worten, sparsamen Gesten und viel Einfühlungsvermögen. Die Methode hat Erfolg. Bei den Hunden jedenfalls. Der Mensch ist weniger gelehrig.

Mein Lieblingsplatz
Kleiner Nachtrag und Wehmutstropfen. Leider ist Bärli im Herbst 2005 den letzten Weg gegangen. Da er seit Jahren schon an Herzschwäche litt überstand er eine geplante Operation an einem Geschwür am Hinterlauf leider nicht. Schon bei der Narkose bekam er so starke Herzrhythmusstörungen dass er diese nicht überstanden hätte. Nun hat er seine Ruhestätte auf unserem kleinen Tierfriedhof.